Nebbiolo

Der nordwestitalienische Nebbiolo ist eine der edelsten in Italien angebauten roten Rebsorten. Noch vor dem Sangiovese ist sie diejenige italienische Sorte, aus der die meisten DOCG-Weine erzeugt werden. Der Name leitet sich wahrscheinlich vom italienischen "Nebbia" (Nebel) ab, da zur Lesezeit im Oktober in Barolo und Barbaresco häufig vom Fluss her Morgennebel über die Weinberge ziehen. Aber die Rebsorte ist auch schon mit dem Begriff "Nobile" (vornehm) in Verbindung gebracht worden.

Die Verbreitung des Nebbiolo beschränkt sich fast ausschließlich auf Piemont. Nur in einer einzigen Region der Lombardei wird die Sorte ebenfalls wirtschaftlich erfolgreich angebaut. Der Nebbiolo ist problematisch und schwierig zu kultivieren, da er außergewöhnlich hohe Ansprüche an Lagen und Böden stellt. Er erreicht die höchste Qualität fast ausschließlich auf steilen, nach Süden oder Südwesten ausgerichteten Lagen mit kalkhaltigen Mergelböden. Deshalb ist die Zahl der Anbauflächen auch begrenzt. Lediglich jede dreißigste Flasche Wein aus dem Piemont enthält Nebbiolo. Eine Ausweitung der Rebflächen ist kaum noch möglich. Der Grund: Wegen der zu erzielenden hohen Traubenpreise sind bereits alle für den Nebbiolo in Frage kommenden Flächen mit der edlen Sorte bestockt.

Im Weinberg selbst zeigt sich der Nebbiolo weit weniger anspruchsvoll. Er ist weder besonders frostempfindlich noch übermäßig krankheitsanfällig. Probleme treten allenfalls wegen der sehr späten Traubenreife auf. So zieht sich die Lese häufig bis Ende Oktober hin. Im Piemont können von kühlem, nassem Wetter begleitete plötzliche Herbsteinbrüche dann die Vollreife eines Teils des Traubengutes verhindern.

Nebbiolo aus nicht voll ausgereiften Trauben ist tanninherb, säurereich und lässt die Frucht vermissen. Doch auch voll gelungener Nebbiolo ist als Jungwein streng, abweisend und hart, da Nebbiolo-Weine mit zu den am langsamsten reifenden Weinen der Welt zählen.

Gereifte Weine erinnern an Wild, Trüffel, verwelktes Laub und Pflaumen. Die edelste Verkörperung findet der Nebbiolo in den DOCG-Weinen von Barolo und Barbaresco. Das sind schwere Produkte mit bis zu 15 Volumenprozent Alkohol. Dem Barolo hat der Gesetzgeber je nach Qualitätsstufe eine Mindestlagerzeit zwischen drei und fünf Jahren verordnet. Der Barbaresco muss zwei bis vier Jahre lagern, bevor er gehandelt werden darf. Vor Ablauf dieser Fristen bereitet es auch keinen Genuss, die Weine zu trinken. Aber auch danach müssen manche Abfüllungen noch jahrelang gelagert werden, bevor sie ihre ganze Schönheit entfalten können.

Modernere Maischtechnik und Ausbaumethoden lassen heute jedoch zunehmend Weine entstehen, die früher zugänglich und auch schon jünger ein Genuss sind. Sie sind sogar genauso lange haltbar wie traditionell bereitete Weine. Die in einigen Randbereichen um Barolo und Barbaresco herum entstehenden Nebbiolo-Weine werden als Nebbiolo d'Alba, die Weine aus der Provinz Cuneo werden auch als Roero Superiore etikettiert. Diese Weine sind nicht so tiefgründig und charaktervoll wie ein Barolo oder Barbaresco, dafür jedoch unkomplizierter und früher trinkreif. Immer aber behalten sie den Sortencharakter mit Aromen von Teer und Rosendüften.

Außerhalb des Weinuniversums von Alba und Asti wird der Nebbiolo in größerem Umfang noch weiter nördlich an den Ufern des Flusses Sesia angebaut, wo er die DOCG-Weine Gattinara und Ghemme hervorbringt. Die Sorte, die hier als Spanna bezeichnet wird, ergibt im etwas kühleren Klima des höher gelegenen Anbaugebietes leichtere, säurebetontere und pikantere Weine. Deshalb werden sie mit den weicheren Sorten Bonarda und Vespolina verschnitten. Die Mindestlagerungszeit beträgt wie beim Barbaresco vier Jahre, davon zwei Jahre im Holzfass. In der Langlebigkeit stehen Gattinara und Ghemme den berühmten Weinen aus dem Süden kaum nach. Im Umfeld von Gattinara und Ghemme entstehen nach dem gleichen Rezept die leichteren DOC-Weine Boca, Sizzano, Fara, Bramaterra und Lessona. Vor den Toren des Valle d'Aosta liegt das kleine Anbaugebiet Carema. Der Nebbiolo wird dort in steilen Terrassen angebaut, um die Trauben zur Vollreife zu bringen. Aus diesen Früchten wird der DOC Carema erzeugt, der ebenfalls vier Jahre lang ausgebaut werden muss, davon zwei Jahre im Holzfass. Und auch im Aostatal selbst steht der Nebbiolo im Anbau - allerdings nur am südlichen Rand, dem wärmsten Bereich des Gebietes. Hier werden aus der Rebe die besten Weine der Region erzeugt: der kraftvolle und sehr feine rote Donnaz und der etwas leichtere Arnad-Montjovet.

In größerem Stil wird der Nebbiolo außerhalb des Piemonts nur noch im lombardischen DOCG-Bereich Valtellina angebaut. Hier trägt die Traube den Namen Chiavannasca. Die besten Weine kommen aus der Kernzone DOCG Valtellina Superiore mit den Unterbereichen Sassella, Grumello, Inferno, Valgella und neuerdings auch Paradiso. Außerhalb dieser Regionen und insbesondere auch in der Neuen Welt ist die Kultivierung des Nebbiolo noch nirgendwo mit zufriedenstellenden Resultaten gelungen.